Innen Hiroshima: Gernot Wolfgrubers Roman »Die Nähe der Sonne« in einer Neuauflage
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Die Einsamkeit des Menschen
Innen Hiroshima: Gernot Wolfgrubers Roman »Die Nähe der Sonne« in einer Neuauflage
Von Eileen Heerdegen
Er ist immer anwesend. Selbst beim Jubelgeläut schwingt der Bourdon, die größte, dunkelste Glockenstimme, wie eine Mahnung mit, nicht übermütig zu werden. Gleichzeitig können sich auf der monotonen Basis typischer, sogenannter Borduntöne, sei es bei Orgeln, Dudelsäcken oder mittelalterlichen Leiern, erst Melodien frei entwickeln, ein untrennbares Ganzes ergeben, so wie Leben und Tod.
»Man wird das Haus ungern verlassen. Man ist in der Stadt bekannt. Jetzt überhaupt. Ständig werden einem Leute begegnen, denen die Neugier die Hälse verbiegt, wird man Bekannte treffen, die das ihnen Peinliche, einem über den Weg gelaufen zu sein, nur loswerden können, indem sie einem die Hand hinstrecken und ein paar Worte murmeln, einen also anstecken mit ihrer Peinlichkeit, während man ihnen schon dankbar wäre, wenn sie von nichts weiter als vom schönen Wetter, vom schönen Herbst reden würden oder wie andere plötzlich die Straßenseite gewechselt oder angelegentlich in ein Schaufenster gestarrt hätten, bis man vorbei wäre.«
Gernot Wolfgruber, 1944 im österreichischen Gmünd geboren, studierte nach Hauptschule und Lehre erst auf dem zweiten Bildungsweg Publizistik und Politikwissenschaften in Wien. Spätestens seit »Herrenjahre«, 1976 erschienen, später von Axel Corti verfilmt, prägte er die österreichische Erzählliteratur der 70er und 80er Jahre, veröffentlichte aber nach 1985 keine weiteren Werke.
Wolfgrubers letzter Roman, »Die Nähe der Sonne«, neu aufgelegt zum 40jährigen Erscheinen der Originalausgabe und dem 80sten Geburtstag des Autors, beginnt mit dem Tod. Die Eltern des Protagonisten Stefan Zell sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, die Fahrt zur Beerdigung ist der Beginn eines literarischen Roadmovies.
»A storm is threatening my very life today / If I don’t get some shelter / I’m gonna fade away«. Autoradio-Kassettendeck, die Rolling Stones rauf und runter. »Gimme Shelter«. Ein sentimentaler Wunsch, das Zuhause ist längst keines mehr. »Manchmal sei ihm, als hätte er sie, weil er um sie nicht habe trauern können, nie geliebt. Und darüber, nicht über ihren Tod, hätte er schreien mögen vor Entsetzen.«
»Und habe es dennoch nicht gekonnt«, heißt es weiter, denn Stefan Zell bewegt sich wie in einer Traumlandschaft, wie ferngesteuert, wie zugekokst, wie durch den Nebel starker Psychopharmaka. Es gibt Andeutungen, »dass da mal etwas war«. Psychiatrie.
Ganz anders die Eltern, die erst spät in die Gemeinschaft der kleinen Stadt gekommen waren, es aber zu großem Ansehen gebracht hatten. Und dennoch: Am hellichten Tag auf schnurgerader, trockener Straße war ihr Wagen auf die Gegenfahrbahn geraten und gegen einen Tankwagen geprallt. Erst »eineinhalb Meter vor dem Zusammenprall, als er den Lastwagen schon wie eine Mauer vor sich hatte aufragen sehen«, hatte der Vater gebremst.
»Glaubst du eigentlich, Eva, dass unsere Eltern glücklich miteinander gewesen sind?«
Stefan weiß, dass sich auch ihr die Frage aufdrängt, aber Eva, die er gern Evi genannt hätte, wie früher, als sie Kinder waren, als sie vertraut miteinander waren, reagiert schroff und abweisend. Die Eltern – niemals! »Selber habe er ständig an Selbstmord gedacht. Das sei sozusagen der Bordunton gewesen.«
Das Psychogramm des manisch-depressiven Stefan Lenz ist nur eine beispielhafte Überspitzung. Das tonale Fundament dieses Romans ist die völlige Einsamkeit jedes Menschen als sein eigenes Universum.
Ein Roman über eine psychotische Gesellschaft, die das Anderssein nur in den wenigen Fällen zulässt, wo es mit Erfolg verbunden ist, mit viel Empathie für die, die am Scheitern scheitern. »Das Haus war außen noch im Rohbau, aber anscheinend schon bewohnt: Ein Christbaum mit eingeschalteter elektrischer Beleuchtung stand neben einer Wassertonne und der Betonmischmaschine. Er wäre gern einer von den Bewohnern gewesen. Eine vage Sehnsucht. Da drinnen ist alles gut. Und wenn es ihm schon wieder so ginge wie denen, dass er daran denken könnte, sich mit nichts als zwei Händen, eingedeckt mit Schulden bis ans Lebensende, ein Haus zu bauen, wenn es ihm schon wieder so gut ginge, dass er an so etwas überhaupt denken könnte, er nähme einen Benzinkanister und würde zusehen, wie es brennt.«
Stefan Lenz, wohl im gleichen Alter wie sein Autor, ein typischer 68er Student, der mit der Künstlergruppe »PreludynamoCo« (ein zarter Hinweis auf den damals angesagten Missbrauch des Aufputschmittels Preludin) mit wilden Aktionen von einer Karriere als Maler und Zeichner träumte und nun in guten Zeiten als »Linierer« und »Kratzer« im Architekturbüro immerhin Ein- und Auskommen hat. (Kleiner Hinweis für die Gen Z: 1985 wurden technische Zeichnungen auf Spezialpapieren angefertigt, bei Änderungen konnten die Linien vorsichtig weggekratzt werden.)
Ein Roman über die große Sehnsucht nach Liebe, die zuerst bei den Eltern gesucht und nicht gefunden wird, die Geschwister werden fremd wie auch das eigene Kind, das jetzt den »Polizistenarsch« bewundert, mit dem Exfrau Lina mittlerweile zusammenlebt. Lina, die er verachtet, wenn sie im Chanel-Kostüm vor ihm steht, Lina, die er sich herbeiwünscht, als einzige, die ihn retten kann. Hanna, mit der er lebt, und Julia, von der wahrscheinlich weder er noch der Leser so genau wissen, ob es sie gibt oder je gegeben hat.
Stefans Erinnerungen, Gedanken und Träume, seine stunden- und tagelangen Autofahrten, seine Begegnungen sind in einzigartiger Weise rastlos und erschöpfend, gelegentlich sogar ermüdend, entfalten aber eine ungeheure Sogwirkung. Wie er selbst wird auch der Leser in einen Strudel gesogen, wird durch Ereignisse gezogen, die möglicherweise nie stattfinden, aber Bilder hinterlassen: rote Wände im Architektenalptraum, Orgien in Designersesseln, geheimnisvolle Frauen und Johnny, der wiedergefundene Frank Zappa für Arme mit den verschiedenfarbigen Schuhen, ein alter Kumpel der »PreludynamoCo«. Und wird sich alles ins Licht auflösen, oder wird Ikarus der Sonne zu nah kommen?
»Nach außen also, hatte er gesagt, die wohlgeordnetste Idylle. Und innen, innen Hiroshima.«